Pädagogischer Hintergrund

Erst Lernen und dann Spielen? Erst die Arbeit und dann das Vergnügen? Wer Spielen und Lernen bei Kindern trennt, hat beides nicht richtig verstanden. Wenn Kinder spielen, lernen sie. Das ist eine der wichtigsten Funktionen des Spiels. Sie lernen nebenbei und beiläufig ohne viel Anstrengung und Konzentration. Wenn ein Kind Würfelspiele spielt, lernt es den Umgang mit Zahlen. „Fünf ist mehr als vier und zwar genau ein Feld.“ „Wenn ich eine Sechs und eine Zwei würfele, habe ich zusammen Acht. Und dann kann ich dich rausschmeißen!“ Wenn ein Kind mit Spielzeugautos herumfährt, lernt es etwas über den Zusammenhang von Weg und Zeit - und kann auch ein Gefühl für Impulserhaltung bekommen: „Gleich gibt es einen Unfall … Crash! Boom!!“. Wenn ein Kind einen Turm baut, lernt es etwas über Statik. Und wenn der einstürzt etwas über die Erdanziehungskraft. Durch das Spiel erwerben Kinder ein Gefühl von Kompetenz und Selbstwirksamkeit. Wer wollte ihnen das vorenthalten?

Wenn Kinder mit anderen Kindern zusammen spielen, entwickeln sie viele wichtige soziale Kompetenzen. Sie üben, ihre eigenen Emotionen in den Griff zu bekommen. Und sie üben mit Konflikten umzugehen. „Der hat mich rausgeworfen.“ „Du bist nicht mehr mein Freund!“ „Aber es ist doch nur ein Spiel!“ Sie lernen wie man Respekt und Freundschaft erwirbt – aber dass man beides auch verlieren kann. Kindern wird bewusst, was andere brauchen und fühlen. Dabei können sie von Eltern oder anderem Betreuungspersonal unterstützt werden. Meist schaffen sie es allein im freien Spiel mit Gleichaltrigen. Oder durch ältere Kinder, die schlichtend eingreifen. Im Rollenspiel üben Kinder auch soziale Kompetenzen, und erwerben zusätzlich noch Wissen über soziale Rollen, soziale Regeln und Konventionen.

Spiele haben ihre eigenen Ziele. Gewinnen beispielsweise. Das Kind, das sich auf den Weg zum Gewinnen macht, wird nicht immer gewinnen – aber es wird immer lernen. Es lernt nebenbei und beiläufig. Ohne viel Anstrengung und Konzentration. Je nach Spiel lernt es etwas über Mengen und Zahlen, über Physik und Naturgesetze oder über das soziale Miteinander. Im Spiel erwirbt ein Kind verschiedene fachliche und überfachliche Kompetenzen - Kompetenzen, wie sie in jedem Bildungs- und Erziehungsplan beschrieben stehen. Deshalb sollte freie Zeit für Spiele weder im Kindergarten noch in der Grundschule fehlen. Denn: Spiele bilden eine natürliche Form von Wissens- und Kompetenzerwerb.

Dr. Katrin Hille,
Geschäftsführende Gesamtleitung
ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen